Hausärztliche Medizin – gestern, heute und morgen

Interdisziplinäre Lehrstühle für Gesundheit an allen Universitäten

Vor circa 100 Jahren kannte ein Hausarzt Wohn- und Arbeitsumfeld seiner Patienten. Er hat nur drei Patienten aufgesucht, um eine neue Erkrankung etwa die Silikose zu erkennen! Der Grund: Ärzte suchten ihre Patienten gewöhnlich zu Hause auf, waren also vertraut mit deren Lebensumständen.
Als einige Ärzte sich anschickten, die Versorgung ihrer Patienten in ihre Praxis zu verlegen und die Patienten nur noch gezielt und nach Aufforderung zu Hause zu besuchen, war man über diese Art der Medizin schockiert. Ohne Kenntnis der Umgebung des Kranken konnte man einen Patienten doch nicht behandeln!
Rückblickend war das das Ende einer im weitesten Sinn ganzheitlichen Medizin.

Im heutigen Gesundheitswesen, ob in Klinik oder Praxis, besteht eine betriebswirtschaftliche Logik. Knapper Aufwand für ein Produkt namens Patient! Jede Zeiteinsparung erhöht den Patientendurchsatz, aber nicht den Heilungsprozess des einzelnen Kranken. So konzentriert man sich tatsächlich auf das Kurieren von Sichtbarem, von Symptomen, so wächst das Heer von chronisch Kranken! In der industrieller Logik liegt der Wert eines Produkts allein im Erlös, nicht darin, den Krankheitsprozess von der Entstehung an bis zur Heilung zu begleiten!
Dennoch wird dieses industrielle Paradigma auf die Medizin übertragen, als ob man auch in der Medizin einen konkurrenzfähigen Preis erzielen müsste! Unter dieser Bedingung wird Zeit zum Kostenfaktor.
Wer sich heute in der Medizin Zeit nimmt, wird nicht etwa gelobt, sondern gerät automatisch in den Verdacht von Verschwendung, von Ineffizienz. So wird den Ärzten heute über die Gebührenordnung und die ‚evidence based medicine‘ nahegelegt, die Patienten immer schneller durchzuschleusen, als wolle man ihnen beibringen schneller zuzuhören, damit der technische Produktionsaufwand minimiert werden kann. Diese industrielle Brille ist inzwischen für Ärzte und Patienten so selbstverständlich geworden, dass niemand merkt, wie sehr alle Beteiligten im falschen System arbeiten.

Legt man diese Brille aber ab, würde man sofort erkennen, dass in der Medizin die Zeit zum Zuhören für den Patienten gerade nicht ein lästiger und zu minimierender Aufwand ist. Unter ganzheitlicher medizinischer Brille hat die Kontaktzeit im Gegenteil einen Mehrwert, weil sie nicht als Verbrauch, sondern als Investition angesehen werden muss. Erst in der Kontaktzeit kann eine gute Diagnostik und Therapie realisiert werden, andernfalls geht eben wertvolle Zeit zum Zu- und Hinhören „verloren.“ Um eine humane medizinische Versorgung in der Tiefe des Landes und in den Randzonen der großen Städte aufrecht zu halten, können Umsatz orientierte Medizinischen Versorgungszentren oder gar die Telemedizin nicht wirklich helfen. Von 2003 bis 2014 blieben weit über 2000 Hausärzte in Deutschland ohne Nachfolger. Im selben Zeitraum ließen sich über 7000 Fachärzte nieder! Wir brauchen dagegen dringend eine breit ausgebildete und damit ideell aufgewertete Allgemein- und Hausarztmedizin über Lehrstühle für Gesundheit an den Universitäten!

Nahezu täglich kann man in den Medien verfolgen, wie die Politik mit der prekären hausärztlichen Situation umgeht, es werden Pläne und Ideen produziert um diesen Beruf zu reanimieren. Bislang ohne Erfolg. In Lehre und Forschung der Medizin an der Uni in Mainz beispielsweise, arbeiten 1000 Professoren, Fach- und Assistenzärzte, aber nur 20 sind für das Fach Allgemeinmedizin aktiv.

‚Hausärzte sind zuständig für Gesundheit, Fachärzte für Krankheiten‘! Ein Satz, den unsere Patienten sofort verstehen.

Aus diesem Grund wurde unlängst der Verein Gesundheit und soziale Verantwortung als gemeinnütziger Verein gegründet. Dort sind Patienten, Therapeuten und Ärzte versammelt, die inhaltlich bereits seit sechs Jahren mit Veranstaltungen regional auf das Schwinden der flächendeckenden hausärztlichen Versorgung aufmerksam machen. Ohne Unterstützung der verantwortlichen Gesundheitspolitiker, Kassenärztlichen Vereinigungen, Ärztekammern, Krankenkassen, etc. setzen wir uns für die Besonderheit und Eigenständigkeit dieser Medizin ein und betonen, Qualität und Unverzichtbarkeit der Frauen und Männer, die diese Arbeit tun.

Positionspapier des Vereins für Gesundheit und soziale Verantwortung e.V.:

1. Erhalt einer patientennahen medizinischen Versorgung vor Ort durch Hausärzte
2. Bundesweiter Ausbau von Forschung und Lehre der hausärztlichen Medizin
3. Anerkennung und Aufwertung des Hausarztberufes
4. Verankerung von ganzheitlicher Komplementärmedizin im Hausarztwesen
5. Ausbau von Forschung und Lehre der funktionellen und systemischen -, von integrativer Medizin

Unser gemeinnütziger Verein für Gesundheit und soziale Verantwortung, eine Gruppierung von Patienten und Therapeuten, fordert unmissverständlich die Aufwertung der hausärztlichen Medizin nicht nur in Rheinland Pfalz durch interdisziplinäre Lehrstühle für Gesundheit, damit die hausärztliche Medizin von morgen sichergestellt ist.

Am 9. September 2017 findet im Haus des Bürger von Ramstein-Miesenbach
von 10:00 bis 16:45 Uhr diese Veranstaltung statt:

Tag der Gesundheit für den Erhalt der Hausärztlichen Medizin

Für Ärzte, Patienten und alle Interessierten
Vorträge, Kurse und Diskussion

 

Eine ausführliche Version dieses Textes finden Sie hier.

2017-06-12T15:17:28+00:00