EINLEITUNG

von Michael Habecker

Männer und Frauen werden durch höhere Werte motiviert sein, was ihre wirtschaftlichen Bedürfnisse und die Wirtschaftstheorie drastisch verändern wird

Ken Wilber, Halbzeit der Evolution

 

Von den zahlreichen Alternativmodellen für eine neue und bessere (bewusstere, verant­wortlichere und nachhaltigere) Wirtschaftsweise ist die Gemeinwohlökonomie[1] Christian Felbers besonders interessant, weil diese

ein umfassendes Modell eines Menschen- und Weltverständnisses (zumindest implizit) zugrunde legt
auf eine breite öffentliche Resonanz stößt
Ich hatte Gelegenheit, Christian Felber auf der Jahrestagung des Integralen Forums im Juni 2013 live zu erleben, fand seinen Kurzvortrag sehr inspirierend, ebenso wie die anschließende Diskussion, und möchte im Folgenden unter Rückgriff auf Elemente der integralen Theorie und Praxis die Gemeinwohl-Ökonomie vorstellen und diskutieren.

Für die Herstellung von Bezügen zur integralen Theorie beschreibe ich im ersten Teil einige ihrer Grundelemente und diskutiere kurz deren Reflektion in der Gemeinwohl-Ökonomie[2]. Im zweiten Teil gehe ich dann ausführlicher auf die Theorie und Praxis der Gemeinwohl-Ökonomie ein. LeserInnen, denen die integrale Theorie neu ist, empfehle ich Ken Wilbers Buch Integrale Vision, oder die Einführungen auf den Seiten:

www.integrallife.com (englischsprachig) und

www.integraleforum.org (deutschsprachig)

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TEIL 1: Modell-Bausteine der integralen Theorie
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— Das integrale Modell

Als einen Versuch der Beschreibung von manifester Wirklichkeit hat Ken Wilber ein so genanntes AQAL Modell entwickelt. Die Abkürzung AQAL steht dabei für „all quadrants, all levels, all lines, all states, all types“.

Diese 5 Hauptmerkmale, Quadranten, Entwicklungsebenen, Entwicklungslinien, Zustände und Typen, sind nach Wilber das Mindeste, was man braucht, um Wirklichkeit angemessen zu beschreiben.

Quadranten tragen der Tatsache Rechnung, dass wir uns selbst und unsere Welt perspektivisch wahrnehmen, was in den Sprachen der Welt z. B. in Pronomen seinen Niederschlag gefunden hat. Diese lassen sich in drei große Gruppen zusammenfassen: erste Person subjektiv (ich, mir, mein usw.), zweite Person intersubjektiv (du, wir, unser usw.) und dritte Person objektiv (er, sie, es, sie-plural usw.)

Ebenen und Linien berücksichtigen, dass sich vieles im Universum in Entwicklung befindet. Entwicklung weist auf eine vertikale Dimension von Manifestation.

Zustände sind jeweils vorübergehende Erfahrungsbereiche, von den wechselnden individuellen phänomenologischen Zuständen wie Freude, Trauer, Angst, Glück, Trägheit usw. bis zu den großen Zustandsbereichen des Wachens (grobstofflich), Träumens (subtil) und des traumlosen Tiefschlafes (kausal), die wir alle 24 Stunden durchlaufen.

Typen oder Typologien sind gleichwertige unterschiedliche Erscheinungs- oder Ausprägungsformen, so z. B. männlich und weiblich. Andere Beispiele wären ying und yang, solar und lunar, die vier Elemente, das Enneagramm, die Jung’schen Charaktertypen usw. Typen weisen auf eine horizontale Dimension von Manifestation, auf die Vielfalt der Welt hin.

Diese 5 Merkmale – als ein Abbild der Struktur der Manifestation in jedem Augenblick – stehen nicht nebeneinander, sondern wirken miteinander. Das Männliche bzw. das Weibliche z. B. in jedem Menschen entwickelt sich, betrachtet perspektivisch sich selbst und die Welt, und durchläuft permanent unterschiedliche Zustände.

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— Die vier Quadranten

Die vier Quadranten[3] sind ein Strukturmodell manifester Wirklichkeit, das dadurch entsteht dass die Grundunterscheidungen von innerlich/äußerlich und individuell/kollektiv überein­andergelegt werden. So erhalten wir – nach Wilber – vier gleichermaßen bedeutende, reale und nicht aufeinander reduzierbare Aspekte von Wirklichkeit (also auch politischer oder ökonomischer Wirklichkeit), die alle zu berücksichtigen sind. Diese lassen sich als drei Hauptaspekte zusammenfassen als persönlich-innerlich-subjektive, zwischenmenschlich-beziehungshaft-intersubjektive und äußerlich-objektive Wirklichkeitsaspekte.

In einem Beitrag Perspektiven einer integralen Politik der Zeitschrift „integrale perspektiven“ (ip)[4] hatte ich argumentiert, dass eine der Schlussfolgerungen aus dieser perspektivischen Wirklichkeitsbetrachtung die ist, dass die Tatsache, dass sich jeder Mensch (auch) als ein empfindendes und sich verhaltenden Individuum erlebt, ihren Ausdruck in der Theorie und Praxis von Liberalität findet, im Sinne eines Sich-Einsetzens für Individualität, Freiheit und Selbstverwirklichung. Gleichzeitig und untrennbar davon erlebt sich jeder Mensch auch als Mitglied unzähliger Gemeinschaften (Familie, Beruf, Freundschaft …), und dieses Erleben findet seinen Ausdruck in den unterschiedlichsten Formen sozialer Politik. Und schließlich erlebt sich jeder Mensch auch, und wieder untrennbar von den zwei anderen Erlebensweisen, als ein Teil zahlreicher Systeme unterschiedlichster Größe (Wirtschaft- Finanzen, Energie, Infrastruktur- Ökologiesystem), und ein Ausdruck dessen sind systemische Politiken wie beispielsweise ökologische Politik, Gesundheitspolitik oder Finanzpolitik.

Der Schwerpunkt der liberalen Politik ist die (persönliche) Freiheit, der Schwerpunkt sozialer Politik ist gemeinschaftliche Solidarität, und der Schwerpunkt systemischer Politik ist der von Nachhaltigkeit. Für mich ergibt sich daraus als eine Grundforderung einer integralen Politik die Integration von

individueller Freiheit (oder Freiräumen) und

sozialer Gerechtigkeit und Solidarität und

systemischer Nachhaltigkeit (zur Aufrechterhaltung der Systeme, natürlich oder kulturell, die unser aller Leben und das aller Lebewesen erst ermöglichen
bei jeder politischen Entscheidung. Diese Integration ist nicht ideologisch begründet, sondern ergibt sich aus dem Vorhandensein der (Er)lebensräume von Individualität, Gemeinschaft und Teil-von-Systemen-Seins, die jeder Mensch in jedem Augenblick seines Lebens nachvoll­ziehen kann.

Diskussion:

Die Gemeinwohl-Ökonomie berücksichtig und wertschätzt alle drei der genannten Hauptperspektiven. Persönliche „liberale“ Freiheit wird nicht, wie von anderen Ansätzen, ausschließlich als ein Ausdruck von Egoismus gesehen, und Liberalität wird nicht ausschließlich im Sinne einer negativen Neo-Liberalität verstanden. Der Schwerpunkt der Gemeinwohl-Ökonomie liegt jedoch auf der Perspektive von Miteinander und der Solidarität aller Menschen und Wesen. Der systemische Nachhaltigkeitsgedanke kommt vor allem in dem Begriff einer „demokratischen Allmende“ zum Ausdruck, dazu später mehr.

 

Aus dem Modell der vier Quadranten ergibt sich auch, dass das Individuelle und das Kollektive gleichwertige und gleichrangige Wirklichkeitsdimensionen sind, ebenso wie das Innerliche und das Äußerliche. Dadurch werden Absolutismen wie Idealismus (das Innerliche ist höherwertig gegenüber dem Äußerlichen), Materialismus (das Äußerliche ist höherwertig gegenüber dem Innerlichen), aber auch Individualismus (das Individuelle ist bedeutender als das Kollektive) und Kollektivismus (mit Varianten von System-ismus – das Kollektiv bzw. das System ist dem Individuum übergeordnet) von vornherein vermieden.

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— Die Holon Theorie

Die Holon Theorie (oder Kategorisierung) Wilbers ist ein Angebot zur Unterscheidung dessen, was manifeste und sich entwickelnde Wirklichkeit ausmacht.

Alles ist Geist!                        Idealismus

Alles ist Materie!                     Materialismus

Alles ist Ding!                          Atomismus

Alles ist Kultur                         Konstruktivismus

Alles ist System!                      System-Ismus

Alles ist Energie!                      Energismus

In Überwindung der verabsolutierenden Erfahrung der obigen – unvollständigen – Aufstellung von wesentlichen Einzelaspekten von Manifestation, besteht das Angebot Wilbers zur Manifestationsbeschreibung in einem einzelnen Begriff, und zwar dem Begriff „Holon“.

Holon bedeutet Teil/Ganzes, und der Vorteil dieser Definition ist, dass darin alle oben erwähnten Begriffe Platz haben, ohne in einen „-ismus“ zu geraten. Was immer wir vorfinden, ist sowohl für sich ein Ganzes als auch gleichzeitig auch Teil von Zusammenhängen. Erstere Eigenschaft bezeichnet Wilber auch mit „Agenz“, letztere mit „Kommunion“.

Bei einer genaueren Betrachtung von Teil/Ganzes-Beziehungen gibt es jedoch bedeutende und gravierende Unterschiede, die auch Bedeutung haben im Zusammenhang mit gesellschaftspolitischen Betrachtungen.

Eine Zelle in einem Organismus ist eine andere Teil/Ganzes-Beziehung als ein Mensch in einer Gesellschaft.
Die Fahrradspeiche eines Fahrrades ist eine andere Teil/Ganzes-Beziehung als ein Organ eines Menschen.
Ein Wort in einem Satz ist eine andere Teil/Ganzes-Beziehung als ein Sandkorn in einem Sandhaufen.
Wie lassen sie die unterschiedlichen Teile/Ganzheit-Beziehungen kategorisieren?

Ken Wilber unterscheidet 4 Kategorien:

Individuelle Holons
Dies sind: Menschen, Tiere, Pflanzen und sogar Atome und Quarks

Sie alle haben Innerlichkeit und eine individuelle Intentionalität und daher auch einen Wert und eine Würde an und für sich: „wo ein Außen, da ein Innen“.

Individuelle Holons haben ein „Bewusstseinszentrum“ als eine individuelle Agenz, d. h. ein Ich (beim Menschen selbstreflexiv, beim Atom nicht).

Soziale/Kollektive Holons
Dies sind: Firmen, Familien, Vereine, Kulturen, Beziehungen, Wolfsrudel, Vogelschwärme, Öko-Gemeinschaften

Sie alle haben: Intersubjektivität und intersubjektives Bewusstsein („Wir“), jedoch keine Agenz, kein „Ich“ und keine singuläre Intentionalität wie individuelle Holons.

Dies ist ein ganz zentraler Unterschied zu individuellen Holons, auch für eine Gemeinwohl-Ökonomie, weil die Willensbildung bei sozialen Holons intersubjektiv und gemeinschaftlich erfolgt, wohingegen sie bei individuellen Holons innerpsychisch erfolgt. Die Art und Weise, wie Meinungsbildung in Gemeinschaften erfolgt, ist ein wesentlicher Bestandteil jeglicher politischen Praxis. Was Wilber dabei besonders unterstreicht: Individuelle Holons sind niemals Teile von sozialen Holons, sondern immer Mitglieder (wenn sie an den Austauschbeziehungen dieses sozialen Holons teilnehmen). Damit wird deutlich, dass soziale Holons (d. h. Gemeinschaften jeglicher Art) niemals über den Individuen stehen, aus denen sie bestehen, sondern aus ihren Austauschbeziehungen und Artefakten heraus existieren. Damit wird auch klar, dass so verbreitete Entwicklungssequenzen und Welterklärungen wie

Atome – Moleküle – Zellen – Organismen – Mensch – Gesellschaft – Welt

falsch sind (und auch gefährlich, weil sie das Kollektive über das Individuelle setzen, welches im Kollektiv aufgeht, und so den Keim zu Kollektivismus und Totalitarismus legen)[5]. Für die integrale Theorie und Praxis entwickeln sich das Individuelle und das Kollektive (wie auch das Innerliche und das Äußerliche) gemeinsam, und daher ist keines davon dem anderen übergeordnet oder ontologisch „vor“ dem anderen.

Artefakte
Dies sind: Gedichte, Straßen, Vogelnester und alles, was durch individuelle oder soziale Holons geschaffen wurde.

Artefakte haben kein Bewusstsein für sich als Artefakt, sie sind jedoch durch Bewusstheit und Intention ihrer Schöpfer entstanden und werden auch mit dem (unterschiedlichen) Bewusstsein und der Intention ihrer Nutzer verwendet. Zu beachten hierbei ist: Ist ein menschliches Artefakt (wie ein Handy oder auch eine Atombombe) erst einmal in der Welt, kann es von so gut so wie jedem Menschen eingesetzt werden, unabhängig von der Komplexität seiner Herstellung und den Ursprungsintentionen seines (oder seiner) Schöpfer.

Haufen
Dies sind: Blätterhaufen oder Sandhaufen, als zufällige Ansammlungen von etwas.

Sie alle haben keine Bewusstheit für sich, weder subjektiv noch intersubjektiv, und wurden auch nicht intentional von individuellen Holons erschaffen.

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— Entwicklung

Ein wesentlicher Teil der integralen Erkenntnistheorie besteht darin anzuerkennen, dass wir uns in einem sich entwickelnden Universum befinden. Auch Entwicklung kann, nach Wilber, wieder aus den vier unterschiedlichen Grundperspektiven der Quadranten betrachtet werden, wodurch wir vier unterschiedliche Perspektiven auf das Phänomen “Entwicklung” erhalten.

a)      Individuell innerliche Entwicklung (z. B. entwicklungspsychologische Bewusstseinsentwicklung)

b)     Kollektiv innerliche Entwicklung (z. B. gesellschaftliche Bewusstseinsentwicklung)

c)      Individuell äußerliche Entwicklung (z. B. biologische Entwicklung)

d)     Kollektiv äußerliche Entwicklung (z. B. systemische Entwicklung, Produktionsfaktoren, politische Systeme)

Für das Thema Gemeinwohl-Ökonomie ist auf der Innenseite vor allem die individuelle und kollektive Werteentwicklung von Menschen wesentlich. Alle unsere Motive, Intentionen, Bedürfnisse und Weltsichten, individuell und kollektiv, sind nicht vom Himmel gefallen, sondern sie sind das Ergebnis von Entwicklung, in diesem Fall von Bewusstseinsentwicklung. Durch den Einsatz geisteswissenschaftlicher Modelle der Entwicklungspsychologie lässt sich fundiert entscheiden, was jeweils besser oder schlechter ist im Hinblick auf ein Gemeinwohl, und wie sich ein solches überhaupt verlässlich definieren lässt. Auf der Außenseite geht es hier vor allem um die Entwicklung von Verhalten und Systemen – mit der Gemeinwohl-Ökonomie als einer Weiterentwicklung gegenüber dem „kapitalistischen“ Wirtschaftssystem.

Diskussion:

Die Gemeinwohl-Ökonomie verfügt über kein explizites entwicklungspsychologisches Modell, jedenfalls habe ich in dem Buch gleichen Titels keinen Hinweis dazu gefunden. (Forscher, welche Modelle dazu veröffentlicht haben, sind u. a. Carol Gilligan, Clare Graves, Robert Kegan, Lawrence Kohlberg, Otto Laske[6]). Dennoch stützt sich die Gemeinwohl-Ökonomie auf eine Hierarchie von Werteunterscheidungen, und Christian Felber bezieht wissenschaftliche Forschungen auch in seine Argumentationen mit ein, ohne diese jedoch entwicklungspsychologisch zu begründen.

 

Das Verständnis darüber, was Entwicklung ist und was nicht, ist auch wesentlich bei der Diskussion des Begriffes von „Wachstum“, der bei praktisch allen Wirtschaftsmodellen eine große Rolle spielt. Neben der aufwärts gerichteten strukturellen vertikalen Entwicklung anerkennt und integriert die integrale Theorie ebenso zyklische (z. B. Jahreszeiten, Wirtschaftszyklen) und in Phasen verlaufende Entwicklungen (Produktphasen, Lebensphasen). Während Zyklen typischerweise durch eine Kreisform dargestellt werden, sind Phasen durch Wellenbewegungen und glockenförmigen Kurven (mit Auf- und Abstieg) charakterisiert.

Der Entwicklungsbegriff, verbunden mit Wertungen im Hinblick auf gute und nützliche oder schädliche Entwicklung beinhaltet auch die Erkenntnis, dass „wo sich etwas entwickelt auch etwas schiefgehen kann“. Die Korrektur von Fehlentwicklungen ist ein erklärtes Ziel einer Gemeinwohl-Ökonomie.

Diskussion:

Bei der Analyse dessen, was schief läuft oder was fehlt, gibt es eine zentrale Überein­stimmung zwischen Wilber und der Gemeinwohl-Ökonomie. Nachdem Wilber sich Kritik ausgesetzt sah hinsichtlich einer Einseitigkeit seiner Kritik des Postmodernismus, veröffentlichte er im Februar 2002 unter dem Titel On the mean memes in general. Red to blue to orange to green to yellow[7] einen Text, in dem er klarstellte, dass er keineswegs nur über Fehlentwicklungen der Postmoderne geschrieben hatte. (Dabei bezieht er sich auf das Werte-Entwicklungsmodell Spiral Dynamics, als einer Popularisierung der Entwicklungs­arbeit von Clare Graves[8]). In diesem Text geht er auf die Pathologie oder Fehlentwicklungen aller Entwicklungsstufen ein, vor allem der Moderne (das „orange Mem“, oder, als Fehlentwicklung, das „gemeine orange Mem“ [mean orange mem], GOM). Er schreibt:

Ich habe den Schaden, den die ungesunde Version von Orange (das gemeine orange Mem, bzw. GOM) anrichtet, nicht ignoriert. Das verbreitetste Ergebnis des GOM ist nichts anderes als das moderne Flachland, als die „Krankheit“, über welche ich am meisten geschrieben habe[9] … Das GOM ist die globale Katastrophe der Moderne (so wie das gemeine grüne Mem die Katastrophe der Postmoderne und das gemeine blaue Mem die Katastrophe der mittelalterlichen Prämoderne war, usw.). Ich habe ausführlich über diese GOM Pathologie geschrieben, die allen anderen Pathologien, die oft erwähnt werden, zugrunde liegt (vom globalen Kapitalismus bis zur Ausbeutung). Wie ich dabei versucht habe sehr deutlich zu machen, ist Flachland (GOM) die größte einzelne Pathologie des Planeten derzeit, seit etwa drei Jahrhunderten; die anderen gemeinen Meme sind ebenso gegenwärtig, doch das GOM bekommt den Preis für das gemeinste der gemeinen Meme.

Dies ist, mit anderen Worten, auch die zentrale Kritik von Felber am derzeitigen Wirtschaftssystem, und zwar dessen Flachheit, als eine Abwesenheit von Werten, Sinn und Bedeutung.

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt für unsere Diskussion im Zusammenhang mit dem Thema Entwicklung ist der des Prinzips von „Transzendieren und Bewahren“. Es scheint sich dabei um ein allgemeines Entwicklungsprinzip zu handeln, welches in allen Seinsbereichen Anwendung findet: innerlich wie äußerlich, individuell wie auch kollektiv. Mit jedem neuen Entwicklungsschritt entsteht etwas wirklich Neues, was das Bisherige überwindet, übertrifft und transzendiert. Diese Neue baut jedoch auch Bestehendem auf. Entwicklung oder Evolution verwirft nie alles Bestehende, sondern nimmt – wie auf einer Treppe – das Existierende und baut darauf auf. Moleküle bauen auf Atomen auf und sind selbst Bausteine von Zellen. Sätze setzen sich aus Wörtern zusammen, welche auf Silben aufbauen, die wiederum aus Lauten bestehen. Universelles Mitgefühl transzendiert soziozentrisches und egozentrisches Mitgefühl, aber erst, nachdem es sie durchlaufen hat.

Für persönliche und gesellschaftliche Veränderungen und Entwicklung bedeutet dies, dass es nicht nur darum geht, was in Zukunft anders (und besser) gemacht werden soll, sondern auch darum, was von dem bereits Bestehenden erhalten werden muss, weil es als Trittstein und Stufe gebraucht wird um Neues darauf aufbauen zu können. Kulturrevolutionen, die alles Bestehende zerstörten und das konservative Prinzip des Bewahrens leugneten, gehören zu den großen Menschheitskatastrophen. Auf der anderen Seite sind Gesellschaften, die sich jeglichem Wachstum und jeder Transzendenz verweigern, rigide und repressiv.

Ein einfaches Entwicklungsmodell mit vier Stufen, auf das ich im Laufe des Textes Bezug nehme, soll hier kurz vorgestellt werden, im Hinblick auf Größe, Grenzen und Fehlentwicklungen (ungesund) jeder der einzelnen Stufen:

Ebene

gesund

ungesund/pathologisch

Postmodern

Universelle Werte, Gerechtigkeit Pluralität, Multikulturalität, Nachhaltigkeit

Egalitarismus, Gleichmacherei moralischer Nihilismus und mangelnde Unterscheidungsfähigkeit

Modern

individuelle Freiheit und Verantwortung, gesunde Leistungsbetonung, Menschenrechte

Flachland (sinn- und wert-loses, Wirtschaften), Ausbeutung der Natur, Ellbogenkapitalismus, „Kontrakurrenz“

Traditionell

werteorientiert, solidarisch (innerhalb der eigenen Gruppe)

(wirtschafts)imperialistisch ausbeuterisch (Versklavung) Ethnozentrisch, patriarchalisch

Egozentrisch

gesunder Selbstwert, eigene Stärken Selbstwert

Rücksichtslosigkeit, Egoismus Andere werden für eigene Zwecke instrumentalisiert und ausgebeutet

 

Eine vereinfachte Dreiteilung, auf die ich ebenfalls im Text Bezug nehme, ist die von

egozentrisch, als die Fähigkeit, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, aber nichts darüber hinaus,
soziozentrisch, als die Fähigkeit die Bedürfnisse einer Gruppe, deren Regeln man verinnerlicht hat, wahrzunehmen und sich entsprechend zu verhalten, aber nichts darüber hinaus, und
weltzentrisch, als die Fähigkeit die Perspektiv aller Menschen (und Wesen) einzunehmen, und bei seinem Denken, Fühlen und Handeln zu berücksichtigten.